Sportpsychologen kämpfen gegen Vorurteile. Zu weich, zu theoretisch, zu weit weg vom echten Sport. Henning Thrien kennt diese Klischees – und widerlegt sie täglich. In diesem ersten Teil eines zweiteiligen Interviews erklärt der Gründer von MentalTastic, wie sein Arbeitsalltag wirklich aussieht, warum Läufer und Mehrkämpfer in der Leichtathletik ganz unterschiedliche mentale Herausforderungen mitbringen und was der Lockdown mit vielen Athleten sportpsychologisch gemacht hat. Wer das erste Mal von Henning Thrien hört: Er wurde erstmals im Gespräch mit 800-Meter-Läufer Marc Reuther im MainAthlet Podcast erwähnt – und ist seitdem ein fester Name in der deutschsprachigen Sportpsychologie-Szene.
Henning Thrien arbeitet seit acht Jahren als Sportpsychologe und hat in dieser Zeit Sportlerinnen und Sportler aus den unterschiedlichsten Disziplinen begleitet – von Einzelathleten über Mannschaften bis hin zu Sportverbänden. Was viele unterschätzen: Sportpsychologie ist kein Krisenmanagement. Sie beginnt nicht erst, wenn etwas schiefläuft. Henning beschreibt seinen Job als kontinuierliche Begleitung – in guten Trainingsphasen genauso wie in schwierigen Wettkampfphasen. Es geht darum, Muster zu erkennen, bevor sie zum Problem werden.
Wer glaubt, mentale Stärke sei in der Leichtathletik überall gleich gefragt, irrt. Läufer und Mehrkämpfer bringen grundlegend verschiedene psychologische Profile mit. Ein Mehrkämpfer muss nach einem schwachen Weitsprung sofort wieder für den Hochsprung da sein – Resilienz und Fokusreset sind dort überlebenswichtig. Ein Mittelstreckenläufer dagegen kämpft mit taktischen Entscheidungen unter Sauerstoffschuld. Henning erklärt in dieser Folge, wo die Unterschiede liegen und was das für die sportpsychologische Arbeit bedeutet.
Der Lockdown war für viele Athleten eine Zäsur. Wettkämpfe fielen weg, Trainingsstrukturen brachen zusammen, die Unsicherheit war enorm. Henning Thrien beschreibt eine interessante Beobachtung aus dieser Zeit: Wer den Lockdown mental richtig nutzte, kam danach stärker zurück. Denn erzwungene Pausen können ein Trainingslager für das Leben nach dem Sport sein – eine Zeit, in der Athleten lernen, wer sie außerhalb des Sports sind. Nicht alle wollten das sehen. Aber diejenigen, die es taten, hatten danach oft eine stabilere mentale Basis.
