Kognitive Leistungsfähigkeit im Laufsport – Was im Kopf entscheidet

Warum trifft ein Mittelstreckenläufer im entscheidenden Moment die falsche Entscheidung – obwohl er körperlich topfit ist? Sportpsychologe Henning Thrien gibt darauf eine präzise Antwort: Es liegt an den kognitiven Fähigkeiten. In dieser Folge des MainAthlet Podcasts spricht Henning über ein Thema, das im Fußball und Handball längst Standard ist, im Laufsport aber noch wenig diskutiert wird – nämlich wie Wahrnehmung, Informationsverarbeitung und Entscheidungsgeschwindigkeit trainiert und gemessen werden können. Henning ist Gründer von MentalTastic, arbeitet als Teampsychologe beim OAC Europe (On Athletic Club) und begleitet Mittelstreckenläufer auf internationalem Topniveau. Das Gespräch macht deutlich: Kognitive Leistungsfähigkeit ist kein Soft-Thema. Sie ist ein messbarer, trainierbarer Performance-Faktor – für Profis genauso wie für ambitionierte Freizeitsportler.

 Sportpsychologe Henning Thrien
Sportpsychologe Henning Thrien

Was kognitive Leistungsfähigkeit im Sport bedeutet

Wenn Henning Thrien von kognitiver Leistungsfähigkeit spricht, meint er das, was zwischen den Ohren passiert: Wie schnell nimmt ein Athlet Informationen wahr? Wie gut kann er relevante von irrelevanten Reizen trennen? Wie flexibel wechselt er seinen Fokus in einer sich verändernden Rennsituation? Im Fachjargon werden diese Fähigkeiten als exekutive Funktionen bezeichnet – die Dirigenten des Gehirns. Sie steuern, wie wir handeln, reagieren und entscheiden. Das Arbeitsgedächtnis gehört dazu, kognitive Flexibilität und die sogenannte Inhibition – also die Fähigkeit, ablenkende Reize aktiv zu unterdrücken. Wer im Startblock sitzt und ein Blatt über die Bahn wehen sieht, weiß, wovon die Rede ist.

Der New Olympics Test – kognitive Profile messen wie im Profifußball

Beim OAC Europe setzt Henning Thrien das Testsystem New Olympics ein, das an der Universität Amsterdam entwickelt wurde und von der Firma Brains First vermarktet wird. In 45 Minuten spielen die Athleten am Computer vier verschiedene Tests, die an einfache Computerspiele erinnern – aber 16 verschiedene kognitive Teilbereiche erfassen. Der entscheidende Vorteil dieses Systems: Die Vergleichsdaten stammen überwiegend aus dem Profisport. Kein Vergleich mit Sportstudenten, sondern mit Handballern, Fußballern, Tennisspielern auf Hochleistungsniveau. Das macht die Aussagekraft der Ergebnisse deutlich valider. Am Ende steht ein ausführlicher Testbogen, den Henning gemeinsam mit den Athleten bespricht – und aus dem konkrete Trainingsempfehlungen und Wettkampfpläne abgeleitet werden.

Wenn Entscheidungen im Rennen zu spät fallen

Ein klassisches Beispiel aus der Mittelstrecke: Ein Läufer ist körperlich stark, verliert aber taktische Situationen, weil er auf Tempowechsel oder Positionskämpfe zu spät reagiert. Henning erklärt, wie er solche Situationen analysiert. Hat der Athlet zu wenig wahrgenommen, weil sein Aufmerksamkeitsfokus zu eng war? War er emotional noch in einem vorangegangenen Rempeln gefangen und deshalb kognitiv nicht präsent? Die Diagnose ist Detektivarbeit – und die Tests liefern dabei eine wichtige erste Spur. Erst wenn man versteht, warum eine Entscheidung zu spät fällt, kann man gezielt trainieren.

Mental Programming – Renndrehbücher schreiben, bevor das Rennen beginnt

Ein zentrales Werkzeug in Hennigs Arbeit ist das Mental Programming. Gemeint sind konkrete Wenn-Dann-Szenarien, die mit Visualisierungen und vorbereiteten Selbstgesprächen so tief verankert werden, dass ein Athlet im Wettkampf automatisch abrufen kann, wie er auf bestimmte Situationen reagiert. Der Callroom kurz vor dem Start, die Anspannung, das Geräusch, der Geruch – Henning arbeitet mit allen Sinnen. Wer eine Rennsituation mental so oft und so detailliert durchgespielt hat, dass sie sich nicht mehr wie das erste Mal anfühlt, der ist stabiler unter Druck. Diese Technik ist nicht nur für Eliteläufer relevant. Auch ambitionierte Freizeitläufer können mit einfachen Mitteln beginnen: Szenarien vorstellen, Wenn-Dann-Pläne aufschreiben, Sprachmemos aufnehmen.

OAC Europe – Mittelstreckensport wie im Radsport betreut

Das OAC Europe ist einer von drei On Athletic Clubs weltweit und trainiert 15 Mittelstreckenläuferinnen und -läufer aus verschiedenen europäischen Nationen. Trainingsbasen sind Südafrika im Winter und St. Moritz im Sommer. Head Coach Thomas Dreißigacker arbeitet mit einem interdisziplinären Staff: Assistenzcoach, Athletiktrainerin, zwei Physiotherapeuten, Teammanagerin und Henning als Teampsychologe. Dieses Modell kennt man aus dem Profiradsport – in der Leichtathletik ist es noch ein Unikat. Henning begleitet die Athleten nicht nur remote, sondern reist zu Trainingslagern und Wettkämpfen, führt regelmäßige Einzelgespräche und koordiniert fachübergreifende Calls, bei denen Physio, Athletiktraining und Sportpsychologie gemeinsam auf den Athleten schauen.

Was Breitensportler aus dem OAC-Ansatz mitnehmen können

Drei Wörter, die über allem stehen: systemisch denken. Henning empfiehlt, nicht nur das Training zu bewerten, wenn eine Leistung gut oder schlecht war – sondern alle Faktoren zu hinterfragen. Schlaf, Ernährung, emotionaler Zustand, Trainingsumfeld. Gleichzeitig warnt er vor Daten-Overload: Wer durch zu viele Messwerte seine Lockerheit verliert, dem nützt kein Wattmessgerät der Welt. Der erste Schritt ist simpel und gilt für alle: Training steht an erster Stelle. Erst dann kommen die zwei Prozent hier und drei Prozent dort.

Hör auch diese Folgen:

Häufige Fragen zur Folge

Was sind kognitive Fähigkeiten im Sport? Kognitive Fähigkeiten im Sport umfassen alle mentalen Prozesse, die Wahrnehmung, Informationsverarbeitung und Entscheidungsfindung steuern. Dazu gehören das Arbeitsgedächtnis, kognitive Flexibilität und die sogenannte Inhibition – also die Fähigkeit, irrelevante Reize auszublenden und sich auf das Wesentliche zu fokussieren. Im Laufsport entscheiden diese Fähigkeiten zum Beispiel darüber, wie schnell ein Athlet auf taktische Veränderungen im Rennen reagiert.

 

Was ist der New Olympics Test? Der New Olympics Test ist ein computerbasiertes Testsystem, das an der Universität Amsterdam entwickelt wurde und von der Firma Brains First vermarktet wird. In 45 Minuten werden 16 kognitive Teilbereiche gemessen – unter anderem Arbeitsgedächtnis, Reaktionsgeschwindigkeit und Entscheidungsfähigkeit. Besonderes Merkmal: Die Vergleichsdaten stammen überwiegend aus dem Profisport, nicht aus Laborstudien mit Sportstudenten.

 

Was sind exekutive Funktionen und warum sind sie für Läufer relevant? Exekutive Funktionen sind die übergeordneten Steuerungsprozesse des Gehirns – oft als „Dirigenten des Denkens" bezeichnet. Sie regeln, wie wir Informationen aufnehmen, priorisieren und in Handlungen umsetzen. Für Mittelstreckenläufer sind sie besonders relevant, weil taktische Entscheidungen im Rennen unter Druck und Sauerstoffmangel in Millisekunden getroffen werden müssen.

 

Was ist Mental Programming im Leistungssport? Mental Programming bezeichnet die gezielte Vorbereitung auf konkrete Rennsituationen durch Visualisierungen und Wenn-Dann-Szenarien. Sportpsychologen wie Henning Thrien arbeiten dabei mit allen Sinnen – Athleten sollen eine Situation nicht nur vorstellen, sondern sie innerlich vollständig durcherleben. Ziel ist es, dass der Athlet im Wettkampf auf vorbereitete Reaktionsmuster zurückgreifen kann, statt unter Druck improvisieren zu müssen.

 

Ist kognitives Training nur für Profisportler sinnvoll? Nein. Henning Thrien betont ausdrücklich, dass kognitive Fähigkeiten auch für ambitionierte Freizeitsportler ein relevanter Hebel sind. Wer körperlich fit ist, aber in Wettkampfsituationen mental blockiert oder taktisch reagiert, profitiert von einfachen Techniken wie Visualisierung, Wenn-Dann-Plänen oder bewusstem Fokus-Training – auch ohne professionelles Testumfeld.

 

Was ist der OAC Europe? Der OAC Europe (On Athletic Club Europe) ist ein von der Laufmarke On gefördertes Profiteam für Mittelstreckenläufer aus Europa. Das Team trainiert primär in Südafrika und St. Moritz und wird von einem interdisziplinären Staff begleitet, bestehend aus Coaches, Physiotherapeuten, einer Athletiktrainerin und einem Sportpsychologen. Head Coach ist Thomas Dreißigacker.