Gina Lückenkemper läuft unter elf Sekunden und erzählt danach im Sportstudio, dass sie im Training an einer Neun-Volt-Batterie leckt. Das klingt erst mal absurd – und hat dennoch einen präzisen wissenschaftlichen Hintergrund. Lars Lienhard, Sportwissenschaftler, ehemaliger Leichtathlet und der bekannteste Neuroathletik-Trainer im deutschsprachigen Raum, hat diese Methode mitentwickelt. In dieser Folge des MainAthlet Podcasts erklärt er, was Neuroathletik ist, warum das Gehirn jede Bewegung reguliert, bevor der Muskel überhaupt loslegt – und was Sprinter, Läufer und Feldathleten daraus für ihr eigenes Training mitnehmen können. Mit dabei: konkrete Beispiele aus der Arbeit mit Gina Lückenkemper, David Storl und Christina Schwanitz sowie der Geschichte, die Lars überhaupt erst zur Neuroathletik gebracht hat.
Athletiktraining bereitet Sportler auf die physischen Anforderungen im Wettkampf vor. Es gibt Bankdrückwerte eines Kugelstoßers, Sprintwerte eines Mittelfeldspielers, Maximalkraftprofile – alles messbar, alles steuerbar. Neuroathletik betrachtet dieselbe Frage auf einer anderen Ebene: Was sind die neuronalen Anforderungen, die eine Disziplin an das Zentralnervensystem des Athleten stellt?
Lars Lienhard nennt das das „neuronale Profil" einer Sportart. Ein Diskuswerfer verarbeitet starke Rotationskomponenten – neuronal eine völlig andere Verarbeitung als der Sprint, der geradlinig ist. Biomechanik beschreibt Winkel und Bewegungsabläufe. Sportpsychologie adressiert mentale Prozesse. Neuroathletik arbeitet mit dem, was Lars „die Software" nennt: die subkortikalen, bewegungssteuernden Komponenten – reflexive Stabilität, Koordination, und die Art, wie das Gehirn mit dem Muskel kommuniziert. Der Muskel führt am Ende nur aus. Das Bewegungsprogramm, das an ihn gesendet wird, entscheidet bereits, welche motorischen Einheiten wann feuern und wie die Bewegung aussieht.
Der Ausgangspunkt war kein Erfolg. Lars hat damals als Leichtathletik-Trainer jemanden verletzt. Er hatte dem Athleten eine Trainingsübung gegeben, die er für sinnvoll hielt – und der Athlet hat sich dabei verletzt. Was ihn beschäftigte: Er fand keinen Grund. Die Übung war gut, die Bedingungen waren ordentlich. Trotzdem ist es passiert.
Irgendwann hat er es herausgefunden. Das Gleichgewicht des Athleten war auf einer Seite nicht in Ordnung – und das Gleichgewicht reguliert die Streckerkette. Die Übung war richtig gewählt, aber das neuronale Profil des Athleten konnte die Anforderung nicht erfüllen. Lars hatte Anforderungen gestellt, ohne zu prüfen, ob der Körper sie wirklich umsetzen konnte. Diese Erkenntnis hat ihn nicht losgelassen. Er begann sich immer tiefer mit Bewegungssteuerung zu beschäftigen, stieß auf die Arbeit von Dr. Eric Cobb in Amerika, auf seinen eigenen Professor für Alten Sport, der ein Buch über koordinative Profile verschiedener Sportarten geschrieben hatte – und irgendwann landete er, wie er es selbst formuliert, im Gehirn. Weil nichts anderes die Bewegung reguliert.
Neuroathletik arbeitet mit drei zentralen Systemen: dem visuellen System, dem vestibulären System (Gleichgewicht) und dem propriozeptiven System (Lage- und Stellungssinn). Alle drei liefern dem Gehirn sensorische Informationen. Wenn diese Informationen unvollständig, ungenau oder widersprüchlich sind, reagiert das Gehirn mit Schutzmechanismen: Bewegungen werden gedrosselt, Spannung wird aufgebaut, Verletzungsrisiko steigt.
Besonders aufschlussreich ist Lars' Erklärung zum visuellen System im Sprint. Über 70 Prozent aller sensorischen Informationen kommen über die Augen – und im Sprint ist nicht die visuelle Schärfe entscheidend, sondern die Augenstellung. Wer beim Start den Blick nach unten Richtung Knie schickt, triggert im Gehirn eine globale Flexion. Wer die Augen in der Linie des Kopfes hält oder leicht oberhalb, aktiviert Extension – genau das, was für kraftvollen Vortrieb aus dem Block gebraucht wird. Lars formuliert es direkt: Die Augenposition ist ein technisches Merkmal. Die Kopfposition gehört zur Technik. Wir denken immer nur an Oberkörper, Arme und Beine – aber was das Auge tut, steuert das Bewegungsprogramm mit.
Das Gleichgewichtssystem ist dagegen für Stabilisierung unter Beschleunigung verantwortlich. Es arbeitet unilateral: das linke Gleichgewicht für die linke Körperhälfte, das rechte für die rechte. Wer hier ein funktionelles Defizit hat, kompensiert – oft unbewusst und auf Kosten von Leistung und Verletzungsresistenz.
Lars hat in dieser Folge drei Fälle erzählt, die zeigen, was in der Praxis passiert, wenn man das Gehirn adressiert statt nur den Muskel.
Gina Lückenkemper hatte länger Probleme mit der Hüftbeugung auf der rechten Seite. Die Hüftflexion wird vom linken Mittelhirn reguliert – und über spezifische Augenbewegungen lässt sich dieses Areal gezielt durchbluten. „Wir öffnen eigentlich die Arterien in diesem Hirnbereich", erklärt Lars. Das klingt unspektakulär. Das Ergebnis war es nicht: Die Flexionsspannung normalisierte sich, der Schmerz war weg – nach langer Zeit der erfolglosen Arbeit an anderer Stelle.
David Storl konnte lange nicht stützen mit dem linken Knie. Das gesamte Fasziensystem war zugegangen. Die Ursache: Sein linkes Gleichgewichtsorgan konnte die linke Seite nicht mehr optimal stabilisieren. Sobald eine Struktur reflexiv nicht mehr gesichert ist, übernehmen andere – bis sie versagen. Über gezieltes Gleichgewichtstraining für die linke Seite konnte das Fasziensystem loslassen. Der Schmerz ging sehr schnell zurück.
Christina Schwanitz hatte kurz vor den Europameisterschaften einen Autounfall. Das Gleichgewicht war massiv beeinträchtigt. Dass sie überhaupt im Ring stehen und die Bewegung kontrollieren konnte, war auch ein Ergebnis dieser Arbeit.
Das Bild von Gina Lückenkemper mit der Batterie kam ins Sportstudio, weil es ein gefundenes Fressen für die Redaktion war: Unter Strom setzen und Speed. Der wissenschaftliche Hintergrund ist nüchterner und gleichzeitig interessanter.
Die Zunge ist das sensorisch und motorisch am stärksten im Gehirn repräsentierte Organ des Körpers. Keine Stabübung, kein Gewicht, kein klassischer Trainingsreiz erzeugt annähernd so viele Afferenzen – also eingehende Signale im Gehirn – wie ein starker Zungenreiz. In der Motorikforschung in Amerika wurde ein Device entwickelt, das die gesamte Zunge stimuliert. Die Ergebnisse beim motorischen Lernen: über 50 Prozent schnellere Anpassung. Das Prinzip dahinter heißt Sensory Priming – einen starken sensorischen Reiz setzen, um neuronale Areale vorzubereiten, die für die folgende Bewegungsaufgabe relevant sind. Lars verwendet statt des teuren Laborgeräts eine Neun-Volt-Batterie. Jeder kennt das Kribbeln. Das Gehirn reagiert darauf mit erhöhter Durchblutung in Arealen, die mit der Zunge, der Haltung, der Stammhirnfunktion und der Bewegungssteuerung verbunden sind. Wenn dann direkt danach eine Übung ausgeführt wird, an der der Sportler schon lange festhängt, sind die Voraussetzungen für neuronale Verknüpfung deutlich besser als ohne diesen Reiz.
Lars beschreibt die Zunge als den Muskel, der den Kopf von innen stabilisiert. Sie ist an Atmung, Verdauung, Mimik, Sprache und sozialen Kontakten beteiligt – und Forschungsreihen zeigen, dass die erste Aktion vor jeder Bewegung über die Zunge kommt. Das Gehirn hat, wie Lars es formuliert, sehr viel Interesse an der Zunge.
Lars arbeitet immer nach demselben Prinzip: erst analysieren, welche Komponenten des visuellen, vestibulären und propriozeptiven Systems beteiligt sind – dann testen, ob sie unter den Anforderungen der Disziplin optimal funktionieren – dann gezielte Übungen einsetzen und sofort prüfen, ob die Bewegungsaufgabe besser gelingt. Dieser direkte Feedback-Loop ist entscheidend. Der Athlet muss spüren, dass die komisch wirkende Übung mit seinem Problem zusammenhängt. Sonst macht niemand Kopfbewegungen mit Augenklappe.
Für eigenständige Arbeit empfiehlt Lars 20 bis 30 Minuten täglich – verteilt über den Tag, nicht am Stück. Oft und konzentriert ist besser als einmal lang, weil das Gehirn schwache Systeme schnell ermüdet. Für nachhaltige neuroplastische Veränderung braucht es 20 bis 40 Stunden Training eines Systems. Die direkten Effekte kommen schnell. Die permanente Veränderung braucht Zeit – ähnlich wie bei muskulären Anpassungen.
Wer tiefer einsteigen will: Lars hat mehrere Bücher veröffentlicht, die Systeme beschreiben, testbar und trainierbar machen. Sein fünftes Buch – über Schnelligkeit – war zum Zeitpunkt dieses Gesprächs in Arbeit.
Wer nach diesem Gespräch tiefer einsteigen will, hat zwei direkte Wege. Im Shop des NAT Institute findest du alle Bücher von Lars Lienhard und seiner Kollegin Ulla Schmid-Fetzer – darunter „Training beginnt im Gehirn", das Standardwerk zur Neuroathletik auf Deutsch, und weitere Bände zu Kraft, Schnelligkeit und Ausdauer aus neurozentrierter Perspektive. Die Bücher sind so aufgebaut, dass man Systeme direkt testen und eigenständig trainieren kann – kein Frontalunterricht, sondern Praxis.
Wer das Ganze live erleben will: Der Fundamentals Workshop des NAT Institute gibt einen kompakten Einstieg in die wichtigsten Konzepte des neurozentrierten Trainings – praxisnah, in einem Wochenendformat, für Trainer und Sportler gleichermaßen geeignet.
Bücher und Tools: nat-institute.com/shop
Fundamentals Workshop: nat-institute.com/kurse/fundamentals-workshop
