Owen Ansah hat im Mai 2025 in Regensburg Geschichte geschrieben – 9,98 Sekunden über 100 Meter, der zweite deutsche Rekord in seiner Karriere. Er ist damit der einzige Deutsche, der je unter die magische Zehn-Sekunden-Marke gelaufen ist. Sein Trainer Sebastian Bayer hat das Rennen auf der Couch verfolgt, frisch operiert nach einer Schulter-OP, und war trotzdem sofort dabei: Wind checken, Zeitlupe abwarten, Daten auswerten. In dieser Folge des MainAthlet Podcasts spricht Sebastian Bayer über den Weg zu 9,98 – und über eine Trainingsphilosophie, die dem kurzfristigen Erfolg regelmäßig widerspricht. Sein Argument: Wer junge Sprinter zu früh in die Spezifik treibt, verbaut ihnen den Weg in Richtung 10,05 und darunter. Grundlagen zuerst, Rekorde später.
Als Owen Ansah in Regensburg ins Ziel läuft, liegt Sebastian Bayer auf der Couch. Die Schulter-OP liegt erst wenige Tage zurück, der Livestream läuft auf dem Bildschirm. In dem Moment, als die Zeitanzeige 9,99 zeigt, ist sein erster Gedanke nicht Jubel – sondern die Frage nach dem Wind. War der Lauf legal? Erst als die Bestätigung kommt, 9,98 Sekunden, Wind legal, erlaubt er sich die Freude.
Was ihn danach interessiert, ist die Analyse. Bayer hat seine eigene Auswertung erstellt, bevor die offizielle Auswertung vorliegt. Sein Befund: Auf den ersten 30 Metern war Owen etwa eine Hundertstel schneller als beim alten deutschen Rekord von 9,99. In der Pickup-Phase eine Hundertstel langsamer. Im fliegenden Bereich wieder eine Hundertstel schneller. Das Ergebnis: aus 9,99 wird 9,98 – und das auf einem Niveau, auf dem Hundertstel keine Kleinigkeiten sind, sondern die Grenze zwischen Weltklasse und Weltspitze.
Wer Owen Ansah heute bei 9,98 Sekunden sieht, denkt an Explosivität, Technik, Maximalgeschwindigkeit. Was Sebastian Bayer in den ersten Jahren mit ihm gemacht hat, klingt nach etwas völlig anderem: Griffkraftübungen an der Turnstange. Sprünge. Hütchenläufe. Medizinballwürfe. Kein 1080-Sprint, keine hochspezifischen Trainingsmittel, keine Analyse-Software in der Anfangsphase.
Bayer beschreibt es mit einem Bild: Kein Mensch redet über das Velux-Fenster in einem Haus, wenn das Fundament noch nicht gegossen ist. Die Athleten, die zu früh in die Spezifik gehen, erreichen schnell das Niveau von 10,30 bis 10,40 Sekunden – aber die Weiterentwicklung in Richtung 10,05 und darunter fehlt. In Deutschland gibt es davon zu viele. Athleten, die das Niveau von 10,05 bis 10,15 dauerhaft abrufen können, sind rar. Genau da trennt sich laut Bayer die Spreu vom Weizen.
Er hat diesen Weg mit Owen Ansah und Lucas Ansah-Peprah über vier bis fünf Jahre konsequent gegangen – und hat dabei häufig auf der Bremse gestanden, auch wenn es kurzfristig schneller gegangen wäre. Sein Fazit ist eindeutig: Beide wären ohne diesen langen Aufbau nicht dort, wo sie heute sind.
Was Sebastian Bayer über Grundlagentraining sagt, siehst du hier live – eine echte Trainingseinheit mit Owen Ansah und Lucas Ansah-Peprah:
Die 10-Sekunden-Grenze ist im deutschen Sprint nicht nur eine sportliche Marke – sie ist ein psychologisches Konstrukt. Viele Athleten kratzen über Jahre an dieser Grenze, ohne sie zu durchbrechen. Sebastian Bayer beschreibt, warum: Wer zu sehr will, zu verbissen in einen Wettkampf geht, blockiert sich selbst. Sein Ansatz ist paradox – und funktioniert genau deshalb.
Seine Formel: 99 Prozent des Weges sind purer Wille, Ehrgeiz und harte Arbeit. Aber das letzte Prozent muss man loslassen. Wer im entscheidenden Moment noch kämpft, verliert. Wer im entscheidenden Moment loslassen kann, gewinnt.
Dass er das nicht immer selbst gut hinbekommen hat, gibt Bayer offen zu. Bei seiner eigenen Hallenweltbestleistung im Weitsprung war es ein Moment der Befreiung – nicht der Kontrolle. Er hatte den Wettkampf bereits gewonnen, der Druck war weg, und genau da ist er über sich selbst hinausgewachsen. Diese Erfahrung prägt heute seine Arbeit als Trainer.
Owen Ansah ist in Deutschland angekommen. Die Frage, die Sebastian Bayer jetzt beschäftigt, ist eine andere: Wie ruft man solche Leistungen auch international ab – in einem Diamond-League-Feld, neben Athleten wie Letsile Tebogo oder Noah Lyles? Die deutsche Wettkampfbühne bietet wenig Druck, wenig Erwartungshaltung. Das internationale Setting ist eine andere Welt.
Bayer vergleicht es mit dem Pokalwettbewerb im Fußball: Ein Außenseiter kann einmal gewinnen. Aber über eine ganze Saison, über mehrere hochkarätige Wettkämpfe konstant zu performen, ist die eigentliche Champions League. Genau dort will er mit seiner Trainingsgruppe hin. Der nächste Schritt: Eisenstadt im Juli – oder, wenn die Einladung kommt, ein Diamond-League-Start.
Sebastian Bayer spricht in dieser Folge über den langen Aufbau mit Owen Ansah und Lucas Ansah-Peprah. Diese beiden Folgen zeigen, wo die zwei vor Jahren standen – und machen den Weg zu 9,98 Sekunden erst wirklich greifbar.
Ep. 292 · Owen Ansah
Diese Folge entstand kurz vor Owens erstem deutschen Rekord über 100m (9,99s). Er spricht über den Weg zurück nach einer schwierigen Phase – und was ihn mental auf die Bestleistung vorbereitet hat.
Ep. 148 · Lucas Ansah-Peprah
2021 – fünf Jahre vor dem deutschen Rekord. Lucas Ansah-Peprah erzählt, wo er damals stand, was ihn antreibt und wie er Leistungssport und Alltag unter einen Hut bringt. Sebastian Bayer hat ihn damals schon trainiert. Jetzt weißt du, was aus dem Fundament geworden ist.
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