Nils Schumann, Nike und eine große Vision: Die Running Academy RACE Erfurt

Erfurt hat eine lange Laufgeschichte. Olympiasiege, Weltrekorde, Europameister – alles da. Und doch kämpft der Nachwuchslaufsport in Deutschland mit denselben Problemen wie überall: zu wenig Geld, zu viele Abbrüche nach dem Abitur, zu wenig professionelle Strukturen für junge Talente, die eigentlich das Zeug zur Weltspitze haben. Drei Männer haben entschieden, das selbst in die Hand zu nehmen. Mit der Running Academy Erfurt – kurz RACE – bauen Olympiasieger Nils Schumann, Landestrainer Enrico Aßmus und Teammanager Dr. Paul Hünecke eine der ambitioniertesten Nachwuchs-Laufakademien Deutschlands. Nike ist als Hauptsponsor an Bord. Das Ziel ist klar: Erfurt soll Running Capital of Germany werden.

Was RACE ist – und warum es diesen Verein braucht

 

Am 1. Dezember 2025 legten Nils Schumann, Enrico Aßmus und Paul den Schalter um. Die Idee hatte schon länger in den Köpfen gereift, aber an diesem Tag war klar: Jetzt wird aus dem Gedanken ein Projekt. RACE steht für Running Academy Erfurt – ein Verein, der sich bewusst auf Mittelstrecke und Langstrecke fokussiert und nach dem Prinzip „klein aber fein" arbeitet. Keine Gießkanne, kein Alles-für-Alle-Ansatz. Sechs Athleten, alle im U20-Bereich, alle mit dem Potenzial für internationale Meisterschaften.

 

Der Grund für die Gründung ist so simpel wie ernüchternd: Das bestehende System reicht nicht aus. Verbandsstrukturen können fehlende Finanzmittel nicht mehr auffangen. Trainingslager und Höhentrainingslager werden zur Goodwill-Geschichte, bei der Eltern einspringen müssen. Und der größte Flaschenhals liegt nicht im Talent – sondern im Übergang nach dem Abitur, wenn junge Athleten entscheiden müssen, ob sie den Leistungssport weitermachen wollen oder einen sicheren Weg gehen.

 

Nils Schumann: Der Olympiasieger als Trainer

 

Nils Schumann wurde 2000 in Sydney Olympiasieger über 800 Meter – einer der letzten großen deutschen Lauferfolge auf dieser Bühne. Nach einem schwierigen Karriereende zog er sich zunächst zurück, arbeitete in der Fitnessbranche und mit Sportveranstaltungen. Seit 2023 ist er zurück im Leistungssport, seit 2024 fest als Nachwuchsbundestrainer Mittelstrecke. Was ihn antreibt: Er hatte als Athlet fünf sehr gute Jahre bei den Männern – und findet das zu wenig. Mit 24, 25 war seine Karriere faktisch vorbei. Mit RACE will er das für die nächste Generation besser machen.

 

Einer seiner Athleten ist sein eigener Sohn Andor Schumann – Newcomer des Jahres, 1:48,8 mit 17 Jahren, U-Champion. Die persönliche Dimension dieser Geschichte zieht sich durch die gesamte Arbeit der Akademie.

 

Die Trainingsphilosophie: Aerob schlägt Schnell

 

Was RACE inhaltlich auszeichnet, ist eine klare Trainingsphilosophie, die dem Allgemeinverständnis widerspricht. Nils Schumann und Enrico Asmus sind überzeugt: Selbst 800-Meter-Läufer brauchen primär aerobe Grundlagenarbeit. Die Anzahl der Mitochondrien, die Zellatmung, die aerobe Energiebereitstellung – das sind die entscheidenden Faktoren. Wer denkt, Mittelstreckler trainieren hauptsächlich Sprinteinheiten, liegt falsch. 

 

Die Athleten von RACE

 

Sechs Athleten gehören aktuell zum Kern der Academy. Im Mittelstreckenbereich: Andor Schumann (800m, 1:48,8), Cäcilia Weimann (800m, 2:04,6, Vizeeuropameisterin U20 Skopje), Helena Guttke (Deutsche Meisterin von U16 bis U20 über 800m), Ben Burkhardt und Leni Hanselmann (mehrfache DM-Medaillengewinnerin, zweifache EM-Teilnehmerin). Im Langstreckenbereich steht Gloria Herold, die vor einem Jahr noch Eisschnellläuferin war und innerhalb von sechs Monaten ihre 10km-Zeit von 40 auf 34 Minuten verbessert hat – und Deutsche U18-Meisterin wurde. Dazu kommt Geher Karl Junghans, bereits für die Europameisterschaft normiert.

 

Partner und Strukturen

 

Nike ist Hauptsponsor und Ausrüster – nicht nur im Materialbereich, sondern mit echter finanzieller Substanz über einen längeren Zeitraum. Garmin ist Technologiepartner, die Sparkasse lokaler Sponsor. Dazu kommen eine Wohnungsbaugesellschaft und weitere regionale Partner. Der Olympiastützpunkt Erfurt und der Landessportbund Thüringen signalisierten Unterstützung. Ein Laufbahnberater begleitet die Athleten beim Übergang nach der Schule. Das Ziel: Laufsport soll für junge Talente eine realistische Lebensgrundlage werden können.