MainAthlet Podcast  ·  Extremsport & Ausdauer

120 Ironman
in 120 Tagen

Jonas Deichmann im Gespräch

Weltrekord 2024  ·  Challenge Roth  ·  27.119 Kilometer

Ich bin kaum alleine aus dem Bett gekommen, konnte kaum alleine aufstehen. Den übelsten Hexenschuss meines Lebens – und dann? 3,8 Kilometer Schwimmen. 180 Kilometer Radfahren. 42 Kilometer Laufen. Weil morgen kommt wieder. Noch 66 Mal.

Jonas Deichmann · Tag 54 der Challenge 120

120 Ironman-Distanzen
120 Tage am Stück
27.119 Kilometer gesamt
1,2 Mio. Kalorien verbraucht

Folge jetzt hören

Kapitelmarken
00:00 Cold Open – Hexenschuss an Tag 54
01:00 Triathlon einmal um die Welt: Rückblick & Ursprung
03:44 Die Idee zur Challenge 120 & der Weltrekord-Kontext
07:08 Vorbereitung: Trans America Twice, 50h/Woche Training
09:07 Schlaf als Schlüsselfaktor – und warum Puffer tödlich ist
12:36 Verletzungsphilosophie: Was schützt Läufer wirklich?
18:20 Tag 54 – Hexenschuss, Team-Entscheidung, Weitermachen
22:06 Gewohnheiten schlagen Motivation – der Laufsachen-Trick
26:21 5-Sterne vs. Biwaksack – was wirklich im Gedächtnis bleibt
36:40 48 Stunden mit den Gebirgsjägern in Berchtesgaden
40:40 2026: Europaumrundung mit dem Fahrrad & 30 Marathons in 30 Tagen

Jonas Deichmann hat im Mai 2024 das begonnen, was er selbst als die größte Ausdauerleistung aller Zeiten bezeichnet: 120 Ironman-Distanzen in 120 Tagen – täglich 3,8 Kilometer Schwimmen, 180 Kilometer Radfahren und 42,195 Kilometer Laufen, auf der Strecke der DATEV Challenge Roth in Bayern. Am 5. September 2024 überquerte er die Ziellinie zum 120. und letzten Mal. Weltrekord. Kein Puffer. Kein Ausweichen. Keine Ruhetage.

Im MainAthlet Podcast spricht Jonas über die Mechanik hinter dem Projekt, die körperliche Vorbereitung, das Schlaf-System und den Moment, der alles auf den Kopf gestellt hat: Tag 54, Hexenschuss, kaum aufstehen können – und trotzdem wieder an die Startlinie.

Die Idee: Aus dem Triathlon einmal um die Welt

Den Gedanken für die Challenge 120 hatte Jonas während seines Projekts, bei dem er einen kompletten Triathlon einmal rund um die Welt absolvierte – durch das Mittelmeer geschwommen, durch Asien geradelt, durch Mexiko gelaufen. Dort, mit viel Zeit zum Nachdenken, begann er zu fragen: Wie viele Ironman-Distanzen kann ich hintereinander absolvieren? Der bestehende Weltrekord lag bei 105 aufeinanderfolgenden Langdistanzen. Jonas wollte nicht einfach einen drauflegen, sondern deutlich mehr. Die Antwort: 120 – mit einem festen Enddatum, das nicht verhandelbar ist.

Vorbereitung: Warum Tag eins über alles entscheidet

Wer täglich einen Ironman absolviert, befindet sich in einer gänzlich anderen Logik als ein klassischer Ausdauersportler. Die Topform kann nicht erst während des Projekts kommen – sie muss von Beginn an da sein. Das ist der fundamentale Unterschied zur Tour de France, wo die Fahrer an Tag eins bei 95 Prozent starten und in der dritten Woche ihren Peak erreichen. Bei 120 Langdistanzen hintereinander hätte ein schlechter Start eine Verletzung in der ersten Woche bedeutet.

Jonas bereitete sich mit einer Doppelquerung der USA vor: von New York nach Los Angeles mit dem Fahrrad, dann 100 Tage zurücklaufen – mit Anhänger, durch die Rocky Mountains und die Ausläufer des Death Valley. 54 Kilometer Tagesschnitt. Parallel: 50 Stunden Training pro Woche, Stabilitätsarbeit, Yoga, Dehnen. Das größte Verletzungsrisiko liegt beim Laufen. Das Fundament dagegen sind Kilometer und konsequente Hausaufgaben – nicht Talent.

„Tag 100 war viel einfacher als Tag 5. Der Körper adaptiert. Irgendwann ist das Grundlagentempo nicht mehr Belastung – es ist einfach Rhythmus."

Schlaf ist die härteste Disziplin

Mit einer Bruttozeit von durchschnittlich 14 Stunden pro Tag blieb täglich ein Zeitfenster von rund 10 Stunden für alles andere: Physio, Essen, Transport, Schlafen. 6,5 bis 7,5 Stunden Schlaf waren die absolute Untergrenze – darunter begann eine Abwärtsspirale, aus der es praktisch kein Entkommen gab. Weniger Schlaf, langsamere Zeiten am nächsten Tag, noch weniger Schlaf, noch langsamere Zeiten. Das System hatte keine Ausweichspuren.

Wer abends um 23 Uhr ins Ziel kam und morgens um 6:30 Uhr wieder starten musste, hatte schlicht zu wenig geschlafen. Die Konsequenz war nicht eine schlechtere Tageszeit – sondern der Beginn eines Teufelskreises, der das gesamte Projekt hätte gefährden können. Deshalb wurde jede Minute außerhalb der drei Disziplinen optimiert.

Tag 54 – Der übelste Hexenschuss seines Lebens

Eines der kritischsten Momente der Challenge 120 war kein Knie- oder Sehnenproblem – es war ein Hexenschuss an Tag 54. Jonas konnte kaum alleine aus dem Bett kommen, kaum alleine aufstehen. Die Grundregel des Teams lautete dennoch: Wir legen los. Oft wird es durch die Bewegung besser. Das Schwimmen, die Streckung im Wasser, könnte helfen.

Es wurde besser. Jonas betont ausdrücklich: Das ist kein allgemeiner Ratschlag. Er stand unter ärztlicher Aufsicht, hatte ein Physio-Team dabei und bringt jahrelange Körpererfahrung mit. Die übertragbare Lektion ist eine andere: Der Moment, in dem es einem schlecht geht, sagt nichts darüber aus, wie es in zwei Stunden sein wird. Kilometer 40 beim Ultramarathon muss nicht Kilometer 70 vorwegnehmen.

Gewohnheiten schlagen Motivation – jeden Morgen

Motivation ist kein zuverlässiger Rohstoff. Kein Mensch kann sich nonstop überwinden. Was Jonas in langen Projekten entwickelt hat, sind Routinen, die den inneren Dialog abschaffen – Gewohnheiten, die so gefestigt sind, dass die Frage, ob man heute Sport macht, gar nicht mehr auftaucht.

Sein Beispiel ist sofort umsetzbar: Wer morgens im Winter laufen gehen will, legt die Laufsachen am Vorabend vor das Bett. Wer direkt in die Sachen schlüpft, muss nicht zurück ins Schlafzimmer. Die Überwindung sinkt – ohne dass sich am Ergebnis irgendetwas ändert. Wer die Einheit dann noch mit einer kleinen Belohnung verknüpft, beginnt irgendwann automatisch zu antizipieren, was folgt. Der Körper hört auf zu verhandeln.

48 Stunden mit den Gebirgsjägern

2025 gehörte für Jonas das Mikroabenteuer. Neben Community-Events in verschiedenen Ländern absolvierte er ein 48-Stunden-Manöver mit den Gebirgsjägern der Bundeswehr in Berchtesgaden. Rucksack mit über 30 Kilogramm, Klettersteige, Schlafentzug, Nachtmärsche mit Nachtsichtgerät. Die Besonderheit: Man weiß nie, was als nächstes kommt. Wer gerade 10 Minuten geschlafen hat, wird geweckt, um einen 1600-Meter-Gipfel zu besteigen – mit vollem Gepäck, um 5 Uhr morgens. Das Nicht-Wissen, wann es vorbei ist, ist die eigentliche mentale Herausforderung.

2026: Europaumrundung und 30 Marathons in 30 Tagen

Ende April 2026 startet Jonas von München auf eine Fahrrad-Europaumrundung: 24.000 Kilometer, 250.000 Höhenmeter, 27 Länder – im Uhrzeigersinn entlang der Außengrenzen Europas bis ans Nordkap und durch Osteuropa zurück. Tagesschnitt: rund 190 Kilometer. Kein Hochleistungsprojekt wie die Challenge 120 – die Rückkehr zum Abenteuer. Zu Schotter, Hinterland, Gravel-Wegen, unbekannten Gegenden.

Im Anschluss, nach zwei Wochen Pause, folgen 30 Marathons in 30 Tagen – einmal rund um Baden-Württemberg. Als Community-Event, offen für alle. Kein Anmeldezwang, kein Zeitlimit. Das Event ist Teil einer Kampagne zum 70-jährigen Jubiläum der Volksbanken. Das Ziel: so viele Menschen wie möglich in Bewegung bringen.

Podcast abonnieren

Wenn dir diese Folge etwas gegeben hat, abonnier den MainAthlet Podcast – und schick sie jemandem, der genau das gerade braucht.

Spotify ↗ Apple Podcasts ↗