Warum Laufschuhe seit 46 Jahren Verletzungen nicht lösen – und was True Motion anders macht

Jeder zweite Läufer verletzt sich mindestens einmal im Jahr. Diese Zahl ist nicht neu – sie ist seit fast einem halben Jahrhundert unverändert. Trotz Luftkammern, Carbon-Platten, Stabilitätssystemen und hochdotierten Biomechanik-Abteilungen bei den größten Schuhmarken der Welt. Andre Kriwet kennt diese Welt von innen: 25 Jahre bei ASICS, Nike und zuletzt als VP Global bei Brooks in Seattle. Er hat Millionen Laufschuhe verantwortet. Und er sagt heute: Das Problem wurde nie wirklich angegangen.

 

2018 hat er gemeinsam mit Prof. Gert-Peter Brüggemann – 40 Jahre Leiter des Instituts für Biomechanik und Orthopädie an der Deutschen Sporthochschule Köln – die Marke True Motion gegründet. Das Ziel: nicht den 57. Laufschuh bauen, sondern die Frage stellen, die die Industrie jahrzehntelang vermieden hat. In dieser Podcast-Folge erklärt André, warum Stabilitätsschuhe und Überpronationskorrektur wissenschaftlich wirkungslos sind, was der Kraftangriffspunkt mit deinem Knie zu tun hat – und was eine Studie mit 1.700 Läufern dabei herausgefunden hat.

Das Problem, das die Laufschuhindustrie nicht lösen wollte

Wenn ein Laufschuh gut verkauft wird, fehlt der Anreiz, unbequeme Fragen zu stellen. Andre Kriwet beschreibt das ohne Umschweife: In großen Konzernen geht es um interne Darstellung, Beförderungen und den nächsten Launch. Nicht darum, warum die Verletzungsrate seit 1980 konstant bei rund 50 Prozent liegt.

 

Die Antworten, die die Branche bisher gegeben hat, klingen bekannt: Überpronation korrigieren, Dämpfung erhöhen, Stabilität einbauen. Stabilitätsschuhe, Einlagen, Laufanalysen im Fachhandel. Das alles existiert seit den frühen 1990ern – also seit über 30 Jahren. Und keine einzige wissenschaftlich saubere Studie konnte in dieser Zeit eine belastbare Verbindung zwischen vermeintlichen Fehlbewegungen und einer erhöhten Verletzungsrate nachweisen. Die Überpronation, die in so vielen Laufläden als Problem markiert wird, ist eine völlig physiologische Bewegung des unteren Sprunggelenks. Nicht schön auf Video – aber funktionell vollkommen normal.

Der entscheidende Unterschied – Kräfte statt Bewegung

Der Wendepunkt in der Entwicklung von True Motion war eine andere Fragestellung. Statt zu fragen, wie eine Bewegung aussieht, fragten Andre Kriwet und Prof. Gert-Peter Brüggemann: Welche Kräfte wirken auf die Strukturen des Körpers ein – und verändert der Laufschuh diese Kräfte?

 

Die Antwort liegt im sogenannten Kraftangriffspunkt. Beim Barfußlaufen entsteht die Bodenreaktionskraft direkt unter der Mitte des Fersenbeins. Der Kraftvektor zeigt geradeaus zum Körperschwerpunkt – durch die Mitte des Knies. Genau so, wie der menschliche Körper es über Jahrtausende entwickelt hat.

 

Ein normaler Laufschuh mit seiner breiten, ausladenden Außensohle verschiebt diesen Kraftangriffspunkt nach außen. Der Vektor läuft nicht mehr durch die Kniemitte, sondern außen vorbei. Das erzeugt einen Hebelarm – und damit ein sogenanntes externes Adduktionsmoment. Eine erhöhte Belastung auf der medialen Seite des Knies und des Meniskus, bei jedem einzelnen Schritt. Drei bis vier Prozent klingt wenig. Über Jahrzehnte des Laufens summiert sich das zu chronischen Beschwerden, die viele Läufer ab 40 kennen.

Die Lösung – ein Hufeisen in der Sohle

True Motion hat die Antwort in der Natur gefunden. Um das Fersenbein liegt von Natur aus ein weicher Fettgewebsring, der genau diese zentrierende Funktion übernimmt. Dieses Prinzip haben Andre Kriwet und Prof. Gert-Peter Brüggemann mit der sogenannten U-Tech nachgebaut: eine U-förmige, hohle Struktur in der Mitte der Sohle.

 

Beim Aufkommen sinkt der Fuß kurz in die Mitte dieser Struktur ein – der Kraftangriffspunkt verschiebt sich automatisch in die Mitte des Fersenbeins und bleibt dort. Der Kraftvektor verläuft wieder gerade durch das Knie, genau wie beim Barfußlaufen. Als Nebeneffekt entsteht ein natürlicher Bounce-Effekt: Die U-Struktur federt wie ein kleines Trampolin zurück und unterstützt den nächsten Schritt.

 

Das Konzept ist seit 2024 durch ein globales Patent geschützt – nach sieben Jahren Prüfverfahren.

Die Studie – 1.700 Läufer, drei Jahre, eindeutige Zahle

Prof. Gert-Peter Brüggemann hat die Studie mit dem härtesten möglichen Vergleichsmaßstab durchgeführt: Als Kontrollschuh wurde nicht ein beliebiger Standardschuh gewählt, sondern der persönliche Lieblingsschuh der Teilnehmer. Wer seinen Lieblingsschuh über Jahre trägt, hat einen Schuh, der gut zu ihm passt – das ist die schwierigste Benchmark, die man anlegen kann.

 

Die Studie lief retrospektiv und prospektiv über drei Jahre, mit 1.700 Läufern. Das Ergebnis wurde in der Fachzeitschrift Sportverletzung Sportschaden peer-reviewed veröffentlicht.

 

Bei Läufern, die mit True Motion liefen, sank die Verletzungsrate an Achillessehne und Knie um 49 Prozent. Am unteren Rücken um 50 Prozent. Die Ergebnisse gelten über die gesamte kinetische Kette – denn wenn der Kraftangriffspunkt zentriert ist, bleibt auch die Belastung auf Schienbein, Hüfte und Rückenmuskulatur im physiologischen Rahmen.

Der Nevos 4 – vielseitig, schnell, alltagstauglich

Der Nevos 4 ist das Einstiegs- und Allround-Modell von True Motion – vergleichbar mit einem soliden Mittelklassewagen, der für nahezu jeden Einsatzzweck geeignet ist. Gut gedämpft, leicht genug für Tempoläufe, robust genug für den Alltag. Wer mehr Komfort möchte, greift zum Ion. Wer schneller werden will, zum Solo mit Nitrogenschaum. Für Herbst- und Winterläufe gibt es die Elements-Varianten mit griffigerem Profil und wasserabweisendem Obermaterial.

 

Eine biomechanische Einordnung nach Pronationstyp, wie sie im klassischen Fachhandel üblich ist, macht True Motion bewusst nicht. Durch die U-Tech sei die Ursache der Fehlbelastung bereits behoben – eine zusätzliche Differenzierung nach Laufstil sei deshalb nicht notwendig.

FAQ – Häufige Fragen zu Laufschuhen und Laufverletzungen

Warum verletzen sich so viele Läufer trotz moderner Laufschuhe? Die Verletzungsrate bei Läufern liegt seit fast 50 Jahren bei rund 50 Prozent – unverändert. Der Grund: Die Laufschuhindustrie hat sich lange auf die Korrektur von Bewegungen konzentriert (Überpronation, Dämpfung, Stabilität), ohne die wirkliche Ursache zu adressieren. Laut True Motion-Gründer André Kriwet liegt das Problem nicht in der Bewegung, sondern in den Kräften: Die breite Außensohle normaler Laufschuhe verschiebt den Kraftangriffspunkt beim Fußaufsatz nach außen und erzeugt so bei jedem Schritt eine unnatürliche Belastung am Knie.

 

Was ist der Kraftangriffspunkt und warum ist er wichtig? Der Kraftangriffspunkt ist der Ort, an dem die Bodenreaktionskraft beim Fußaufsatz entsteht. Beim Barfußlaufen liegt er direkt unter der Mitte der Ferse – der Kraftvektor läuft gerade durch das Knie. Bei normalen Laufschuhen verschiebt sich dieser Punkt nach außen, weil die Sohle seitlich deutlich über das Fersenbein hinausragt. Das erzeugt einen Hebelarm ums Knie mit erhöhter Belastung auf der Innenseite des Meniskus.

 

Was ist die U-Tech von True Motion? U-Tech ist eine U-förmige Hohlstruktur in der Mitte der Schuhsohle, die nach dem Vorbild des natürlichen Fettkissensrings ums Fersenbein konstruiert wurde. Beim Aufkommen sinkt der Fuß in die Mitte dieser Struktur – der Kraftangriffspunkt zentriert sich automatisch. Die Kniebelastung entspricht dann wieder dem physiologisch natürlichen Zustand beim Barfußlaufen.

 

Helfen Stabilitätsschuhe oder Einlagen gegen Laufverletzungen? Laut wissenschaftlicher Datenlage: nein, jedenfalls nicht nachweisbar. André Kriwet verweist auf 36 Jahre Forschung, in denen keine einzige wasserfeste Studie eine Verbindung zwischen Überpronationskorrektur und reduzierter Verletzungsrate belegen konnte. Die klassischen Stabilitätselemente sind aus modernen Schuhen dieser Kategorie inzwischen weitgehend verschwunden – der Begriff steht oft nur noch als Marketingbezeichnung auf der Schachtel.

 

Für wen ist der True Motion Nevos 4 geeignet? Der Nevos 4 ist das Allround-Modell von True Motion – geeignet für Einsteiger ebenso wie für trainierte Läufer bis in den Tempolauf-Bereich. Er kombiniert gute Dämpfung mit ausreichend Reaktivität und funktioniert auf Straße, Laufbahn und leichtem Gelände. Eine Eingewöhnungsphase ist nicht erforderlich.

 

Muss ich mich an True-Motion-Schuhe erst gewöhnen? Nein. Da die U-Tech den Körper sofort entlastet anstatt neue Belastungsmuster zu erzeugen, ist keine schrittweise Eingewöhnung nötig. Viele Läufer haben True-Motion-Schuhe direkt beim Marathon getragen – ohne Probleme.

 

Was sagt die Studie zu True Motion? Die bisher größte Laufschuhstudie Deutschlands, durchgeführt von Prof. Gert-Peter Brüggemann mit 1.700 Läufern über drei Jahre (retrospektiv und prospektiv), zeigt: Im Vergleich zum persönlichen Lieblingsschuh der Teilnehmer sank die Verletzungsrate an Knie und Achillessehne um 49 Prozent, am unteren Rücken um 50 Prozent. Die Studie ist peer-reviewed und in der Fachzeitschrift Sportverletzung Sportschaden veröffentlicht.

 

Was sind die wichtigsten Tipps gegen Laufverletzungen? Andre Kriwet nennt drei Stellschrauben: Schrittlänge reduzieren (kein Overstriding, Aufsatz unter dem Körperschwerpunkt), Frequenz und Intensität bewusst steuern (lieber eine Einheit auslassen als sich zu zwingen), und in der Erholung den echten Trainingseffekt erkennen – der Körper passt sich in der Pause an, nicht während der Belastung.