Ruben Welsch läuft 207 Kilometer in 24 Stunden – und holt sich dabei den Altersklassensieg bei den Deutschen Meisterschaften im 24-Stunden-Lauf. Was klingt wie eine Geschichte aus einem anderen Leben, ist für ihn die direkte Konsequenz aus einem angeborenen Herzklappenfehler, einer offenen Herzoperation und dem Willen, trotzdem weiterzumachen. Wenige Jahre nach einem Eingriff, bei dem sein Körper auf unter 19 Grad runtergekühlt werden musste und sein Kreislauf lebensbedrohlich absank, steht er an der Startlinie eines 24-Stunden-Laufs. Nicht trotz seiner Geschichte – sondern weil sie ihn geprägt hat.
Im MainAthlet Podcast erzählt der gebürtige Mittelhesse und Unternehmer, wie die Diagnose sein Läuferleben verändert hat, wie er sich wie auf einen Wettkampf auf die OP vorbereitet hat – und was Salamitaktik, mentale Stärke und der Gedanke an einen verstorbenen Freund mit 207 Kilometern zu tun haben.
Ruben Welsch wächst im Lahn-Dill-Kreis auf, wo sein Vater als Sportlehrer früh den Grundstein legt. Mit acht Jahren bestreitet er seine ersten Wettkämpfe, mit 15 wird er Hessenmeister über 3000 Meter, mit 17 qualifiziert er sich für seinen ersten Länderkampf. Parallel spielt er Fußball, Tennis und Handball auf hohem Niveau – ein Alltag, der ihn drei bis vier Stunden täglich in Bewegung hält. Mit Jahrgang 1977 teilt er den Geburtsjahrgang mit Nils Schumann und Jan Fitschen, zwei Athleten die später Olympiasieger und Europameister werden. Ruben erkennt früh, dass ihm die letzten fünf Prozent Talent für die absolute Weltspitze fehlen – und trifft bewusst die Entscheidung, Sport als begleitendes Element zu sehen statt als einziges Ziel.
2007 läuft Ruben beim Stadtmarathon in Freiburg auf Kurs für eine Zeit zwischen 2:24 und 2:25 Stunden – was ihn in der deutschen Spitze platziert hätte. Bei Kilometer 24 bricht er ein, was er zunächst für Erschöpfung hält. Nach umfangreichen kardiologischen Untersuchungen steht die Diagnose: angeborener Herzklappenfehler, bis dahin unentdeckt. Seine erste Reaktion ist Verleugnung. Er lässt die Diagnose bei zwei weiteren Top-Sportkardiologien unabhängig bestätigen, ohne diesen zu sagen, was der erste Arzt festgestellt hat. Alle kommen zum gleichen Ergebnis.
Was folgt, sind Jahre mit dem Herzklappenfehler: jährliche kardiologische Kontrollen, langsamere Trainingseinheiten, kein hochroter Pulsbereich mehr. Ruben beschreibt diese Phase als mentalen Rucksack, den er weitgehend mit sich selbst ausgemacht hat – als junger Familienvater, im fremden Land Schweiz, mit einem Großvater der früh an einem Herzleiden verstorben ist.
Als sein Arzt schließlich sagt, dass der Klappenfehler operiert werden muss, erlebt Ruben das als Befreiung aus dem schwebenden Zustand. Er geht die Herz-OP wie ein Wettkampf an: Wochen ohne Alkohol, gesunde Ernährung, viel Schlaf, Recherche zur besten Operationstechnik und zum erfahrensten Operateur. Er und seine Frau fassen das Testament neu, checken alle Versicherungen, verbringen bewusst Zeit mit Familie und Freunden. Die Chance, dass die OP schiefgeht: rund ein Prozent. Ruben sagt dazu: Ein Prozent ist einer von hundert. Er wollte nicht der eine von hundert sein.
Während der Operation sinkt sein Kreislauf so weit ab, dass sein Körper auf 18,5 Grad runtergekühlt werden muss – eine lebensbedrohliche Komplikation, die er mit dem Kampfeswillen eines Sportlerkörpers übersteht. Nach elf Tagen im Spital folgt eine dreiköchige sportmedizinische Reha in den Schweizer Bergen, wo er der Jüngste unter überwiegend älteren Herzpatienten ist. Den Tag der OP feiert er seitdem jedes Jahr als seinen zweiten Geburtstag.
Der Weg zurück in den Laufsport beginnt mit ruhigen Dauerläufen am Greifensee bei Zürich. Ein Bericht von Florian Neuschwander über den Ultralauf facht den Ehrgeiz neu an. Nach einem gescheiterten Frankfurt-Marathon meldet er sich aus Frust spontan für die Deutschen Meisterschaften im 100-km-Lauf an – und läuft beim Debüt 7:54 Stunden, eine Zeit, mit der man in Deutschland in der erweiterten Spitze landet.
2022 nimmt Ruben zum ersten Mal an einem 24-Stunden-Lauf teil – in Bottrop, auf einem kurzen Rundkurs, 20 Mal fünf Kilometer, rund um die Uhr. Seine mentale Strategie: Salamitaktik. Das Rennen in überschaubare Einheiten zerlegen, von Dorf zu Dorf denken, von Runde zu Runde rechnen. Am Ende: 207 Kilometer, Altersklassengold bei den Deutschen Meisterschaften. Den Sieg widmet er Alexander Lubina, einem Läuferfreund und Jan-Fitschen-Bekannten, der wenige Wochen zuvor auf einer Laufreise in Mallorca tödlich verunglückt ist.
Ruben erklärt im Gespräch, worin sich ein 24-Stunden-Lauf mental von einem Marathon unterscheidet: Die Nacht ist die größte Herausforderung. Wenn der Biorhythmus sinkt, die Strecke leer wird und der Körper schlafen will, muss man sich selbst antreiben. Ruben hat bisher noch keinen 24-Stunden-Lauf ohne kurze Schlafpause absolviert. Die Superpower, sagt er, kommt mit dem Morgengrauen zurück. Wenn die Sonne aufgeht, hat man die zweite, dritte oder zehnte Luft – und kann das letzte Viertel nochmal richtig laufen.
Sein Bucketlist-Ziel: einmal offiziell für Deutschland bei einer Weltmeisterschaft oder Europameisterschaft im 24-Stunden-Lauf zu starten. Als junger Athlet hat er es bis in die U18-Nationalmannschaft geschafft. Jetzt, mit fast 50, wäre es eine andere Disziplin – aber dasselbe Trikot.
Durch das gesamte Gespräch zieht sich ein Gedanke: Laufen ist für Ruben nicht Selbstzweck, sondern Spiegel. Spiegel für das, was er im Leben gelernt hat – dass Krisen angenommen werden müssen, dass es immer ein Morgen gibt, dass kein Tag garantiert ist. Mir kam bei der Folge das Buch 4000 Wochen in den Sinn: es ist reiner Zufall, auf der Welt zu sein, und kein weiterer Tag ist garantiert. Rubens Botschaft an seine Kinder, wenn sie irgendwann auf diese Phase zurückblicken: Es geht immer weiter. Egal wie aussichtslos die Situation scheint.
Laufen bei Hitze – Prof. Dr. Dr. Dieter Leyk über Hitzschlag, Akklimatisation und den Flüssigkeitshaushalt → mainathlet.de/das-training/laufen-bei-hitze-hitzschlag-sport/
Ruben hat betont, wie wichtig regelmäßige Gesundheitschecks für Sportler sind. Was passiert im Körper, wenn du bei Hitze an deine Grenzen gehst? Prof. Dr. Dr. Dieter Leyk, einer der führenden Experten für Leistungsphysiologie, erklärt warum Hitze für Läufer gefährlicher ist als gedacht – und wie du dich schützt.
