David Göttler: Everest ohne Sauerstoff und 10 Jahre Nanga Parbat

David Göttler steht ohne Flaschensauerstoff und ohne Sherpas auf dem höchsten Punkt der Erde – und das ist erst die Halbzeit. In dieser Folge von MainAthlet spricht der Münchner Profibergsteiger über seinen Weg auf den Mount Everest, den er erst im dritten Anlauf 2022 ohne zusätzlichen Sauerstoff bezwang, und über zehn Jahre Kampf am Nanga Parbat, dem Schicksalsberg der Deutschen. Es geht um Höhenbergsteigen in seiner kompromisslosesten Form, um die mentale Stärke, die in der Todeszone über Leben und Tod entscheidet, und um eine Frage, die jeden ambitionierten Sportler betrifft: Wann pusht man weiter – und wann ist Umkehren die stärkere Entscheidung? Göttler erklärt, warum der Kopf der wichtigste Muskel ist, wie er Angst als Warnsystem nutzt und weshalb Scheitern für ihn fester Teil jedes großen Ziels ist. Wer Leichtathletik, Ausdauersport oder Grenzerfahrungen liebt, findet hier mehr als eine Bergsteiger-Geschichte: ein Lehrstück über Geduld, Fokus und den Umgang mit allem, was man nicht kontrollieren kann.

Mount Everest ohne Sauerstoff: drei Anläufe bis zum Gipfel

2019 dreht Göttler rund 100 Höhenmeter unter dem Gipfel um – auf dem letzten Grat stehen zu viele Menschen Schlange, und ohne Sauerstoff kann er es sich nicht erlauben, ein, zwei Stunden auf einem Fleck zu warten, ohne Zehen und Hände zu riskieren. 2021 ein weiterer Rückschlag, er kehrt noch tiefer um. Im Mai 2022 wartet er bewusst bis ans Ende der Saison, als fast alle kommerziellen Teams längst abgereist sind, erwischt ein perfektes Wetterfenster – und ist vom Südgipfel bis zum 8849 Meter hohen Hauptgipfel komplett allein. Es ist sein sechster Achttausender ohne Flaschensauerstoff, nach Gasherbrum II, Broad Peak, Dhaulagiri, Lhotse und Makalu. Doch der Gipfel ist für ihn nicht die Ziellinie, sondern Halbzeit: Der eigentliche Kampf ist der Abstieg.

Nanga Parbat – zehn Jahre am Schicksalsberg der Deutschen

Sein persönliches Highlight ist nicht der Everest, sondern der Nanga Parbat. Fünf Anläufe in zehn Jahren, immer über dieselbe Route auf der Rupalflanke – mit 4500 Metern die höchste Wand der Erde, rund 1000 Höhenmeter mehr als vom Everest-Basislager zum Gipfel. Kein Fixseil, niemand sonst am Berg, die komplette Spur muss er mit zwei französischen Freunden selbst legen. 2025 gelingt es schließlich. Krönung: Vom oberen Bereich startet Göttler mit dem Gleitschirm und landet 35 Minuten später auf einer grünen Wiese im Basislager – mit voller Todeszonen-Ausrüstung am Körper. Ein surrealer Moment, als würde man auf einem anderen Planeten landen.

Alpen Film Festival 2026: „Nanga Parbat – Echoes of Sisyphus"

Genau diese Geschichte läuft aktuell auf großer Leinwand: Die „Passion-Tour 2026" des Alpen Film Festivals, kuratiert von Tom Dauer, zeigt „Nanga Parbat – Echoes of Sisyphus" als Herzstück – mit David Göttler, der sich selbst als „Experte im Scheitern" bezeichnet, live auf Premieren-Tour quer durch Deutschland. Der Film erzählt die fünf Expeditionen ohne Beschönigung, von Rückschlägen, Selbstzweifeln und Freundschaft. Diese Podcast-Folge ist der perfekte Begleiter zum Kinoabend: die persönliche Stimme hinter der Sisyphus-Geschichte, in voller Länge und ohne Schnitt.

By fair means: warum ohne Flaschensauerstoff

Für Göttler ist zusätzlicher Sauerstoff schlicht Doping. Die Schwierigkeit eines Achttausenders liege gerade in der dünnen Luft – nimmt man sie weg, besteigt man am Ende einen Sechs- oder Fünftausender mit Maske. Sein Vergleich: die Tour de France mit dem E-Bike fahren. Du kommst auch an, aber es ist etwas völlig anderes. Weil es im Bergsteigen kein Regelwerk gibt und jeder seine eigenen Spielregeln wählt, braucht es seiner Meinung nach vor allem eines: maximale Ehrlichkeit und Transparenz darüber, wie ein Gipfel wirklich erreicht wurde.

Der Kopf ist der wichtigste Muskel

Je höher es geht, desto mehr entscheidet der Kopf. Göttler arbeitet mit einer Mentaltrainerin und trifft schwierige Entscheidungen schon unten im Basislager vor – wie ein Ampelsystem: Tritt oben eine bestimmte Situation ein, springt die Ampel auf Rot, ganz ohne lange Abwägung in sauerstoffarmer Höhe. Angst ist für ihn kein Feind, sondern eine Warnlampe, gespeist aus jahrzehntelanger Erfahrung. Die schwerste Entscheidung war deshalb nicht das eindeutige Umkehren am Everest, sondern 2023 am Nanga Parbat: 600 Höhenmeter unter dem Gipfel umzudrehen, nur weil ein Bauchgefühl sagte, die Kraft reicht heute nicht für den Weg zurück.

Was Läufer und Leichtathleten mitnehmen

Vieles davon lässt sich direkt übertragen: Mikroziele setzen und Schritte zählen, statt auf den fernen Gipfel zu starren. Akzeptieren, dass man bei maximalem Effort manchmal quälend langsam vorankommt. Die Disziplin, rechtzeitig umzukehren. Und der Umgang mit Faktoren, die man nicht kontrollieren kann – das Wetter am Berg ist wie die Zugverspätung, für die der Schaffner nichts kann und über die man seine Energie nicht verschwenden sollte. Sein wichtigster Rat ans jüngere Ich: Geduld. Die eigene Grenze immer nur in winzigen Schritten verschieben – nur die Zehenspitzen über die Kante hängen. Ein Satz, der für jeden gilt, der im Sport an seine Grenzen gehen will.

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David Göttler Mount Everest ohne Sauerstoff
David Göttler Mount Everest ohne Sauerstoff